+ + + »WIE CORONA DIE STÄDTE NACHHALTIG VERÄNDERT HAT« – Das Referat bei der BR Kulturbühne + + +

200616 CORONA URBANISM

Wir freuen uns, dass jetzt ein Mitschnitt der Veranstaltung CORONA URBANISM vom Junge Forum des Münchner Forums verfügbar ist. Unter folgendem Link könnt ihr euch die Veranstaltung auf Youtube anschauen.

Wir, das Referat für Stadtverbesserung*, sind ein Kollektiv aus Architektur- und Urbanistik-Studierenden der Technischen Universität München. Wir haben uns im Wintersemester 2019/20 im Rahmen des Projektes „Take back the streets!“ am Lehrstuhl für Urban Design zusammengeschlossen. Dafür entwickelten wir positive Zukunftsbilder einer autofreien Stadt am Beispiel der Schwanthalerstraße.

Das Thema der autofreien Stadt rückt zunehmend in den gesellschaftlichen Diskurs. Dabei sind konträre Tendenzen wahrzunehmen. Auf der einen Seite verliert das Auto in der Stadt an Image, da der Großteil der Bevölkerung in der Reduzierung des Verkehrs eine Steigerung der Lebensqualität sieht. Auf der anderen Seite hat sich der motorisierte Individualverkehr in den letzten 30 Jahren verdoppelt. Gleichzeitig drängt der Klimawandel zu einer Energie- und der damit einhergehenden Mobilitätswende. Da nach aktuellem Stand der Forschung lediglich acht Jahre bleiben, um die Erderwärmung auf 1,5° Grad zu begrenzen, setzen wir uns genau diesen Zeitraum für die Umwandlung zu einem autofreien München. Zum Video.

In dieser Arbeit stellten wir fest, dass der Weg zu einer autofreien Stadt nur schrittweise erfolgen kann. Während die für den Autoverkehr designierte Fläche reduziert wird, müssen gleichzeitig neue Nahverkehrs- und Liefersysteme ausgebaut werden. Das folgende Szenario Beschreibt den Umbau in vier Phasen.

Phase 0: Status quo

Phase 1: Parkfläche auf der Straße wird teilweise reduziert durch Umwidmung und Bevorzugung von Carsharing

Phase 2: Fahrspuren werden umgewidmet und einige neue Nahverkehrsverbinungen können bereits genutzt werden

Phase 3: Ein stark reduziertes und entschleunigtes Straßennetz für den nur noch teilweise notwendigen motorisierten Individualverkehr schließt die wenigen Lücken im deutlich verbessertes Nahverkehrsnetz und stellt die Einhaltung von Lieferketten sicher.

Phase 4: Autofreies München

Mit »Die 1,5 Meter Gesellschaft« stellen wir, das Referat für Stadtverbesserung, vier Ideen vor, wie die Stadt München kurzfristig den Straßenraum krisensicher und resilient umbauen kann und so für AnwohnerInnen, GastronomInnen und LadenbesitzerInnen einen adäquateren Straßenraum schafft. Durch eine gerechtere Verteilung des öffentlichen Raumes kann auch in Zukunft eine lebenswertere Stadt entstehen. Anhand des Beispiels der Schwanthalerstraße, die durch die Stadtbezirke Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt und der Schwanthalerhöhe verläuft, stellen wir unsere konkreten Ideen vor. Die beschriebenen Werkzeuge lassen sich auch auf andere Straßenräume in München anwenden und sind daher als ein Vorschlag zu betrachten.

Gerade da bereits einzelne Maßnahmen durch den Stadtrat bestätigt oder zumindest beantragt wurden, hoffen wir, durch dieses Handbuch einen ganzheitlichen Ansatz zu vermitteln, der die bisher beschlossenen Einzelmaßnahmen zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügt und wichtige Elemente wie die Ordnung des Verkehrs ergänzt.

Der Lockdown Anfang März hat uns gezeigt, dass eine rasche Umsetzung der 1. Phase unseres Stadtumbaus wahrscheinlicher ist als man erwarten würde. Da viele PendlerInnen und auch der Großteil der Stadtbevölkerung im Homeoffice waren, war der Autoverkehr drastisch reduziert und lässt so die Idee einer Stadt mit weniger oder sogar gar keinem Autoverkehr realistisch wirken.

Mit der schrittweisen Auflösung des Lock-downs wurden durch die daraus resultierenden Kontaktbeschränkungnen kurz darauf bestimmte Missstände deutlich. So bieten die meisten Gehwege in München nicht genügend Platz um den zur Eindämmung der Pandemie erforderlichen Mindestabstand zu anderen Menschen einzuhalten. Dies wird besonders deutlich, an Stellen an denen sich häufig Menschen sammeln wie etwa Fußgängerüberwege und Kreuzungen.

Für GastronomInnen war es zunächst unmöglich den Betrieb wieder aufzunehmen. Gerade die Freischankflächen, die in dieser Zeit einen wichtigen Stellenwert haben, sind in der Regel zu knapp bemessen, um die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen zu gewährleisten.

Ein Missstand der schon vor Covid19 klar war, der aber aufgrund der aktuellen Umstände noch mehr Menschen betrifft, ist die des lückenhaften Radverkehrsnetzes und der Benachteiligung des Radverkehrs vielerorts. Dies ist vor allem dem großen Flächenbedarf des Autoverkehrs geschuldet, bzw. der Fläche, welche diesem zugestanden wurde. Für FußgängerInnen wäre es ohne die Ampeln in den Kreuzungsbereichen unmöglich die Straße zu überqueren. Die Fahrbahnen bilden eine unüberwindbare Trennung der Straße in zwei Seiten.

Das Auto hat als städtebauliches Paradigma der letzten Jahrzehnte den öffentlichen Raum auf ein Minimum reduziert.

Mit der Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs durch die Covid-19 Pandemie hinterlässt das Auto wertvollen öffentlichen Raum. Durch eine Umwidmung der seitlichen, zwei Meter breiten Parkfläche kann diese neue Aufgaben übernehmen und zu einer verbesserten Fußläufigkeit des Quartiers beitragen, in der auch die zur Eindämmung der Pandemie erforderlichen Abstandsregeln eingehalten werden können. Um größere Menschenansammlungen an den Kreuzungen zu umgehen, entlasten zusätzliche Zebrastreifen als Abkürzungen. Diese befinden sich alle 100-200 Meter, je nach Blockgröße.

Die ca. 300 wegfallenden Parkplätze an der Schwanthalerstraße können durch die Parkhäuser mit ihren über 4.500 zu Verfügung stehenden Stellplätzen kompensiert werden. Eine auf diese Weise vergrößerte Erdgeschosszone lässt auch weitere Nutzungen zu. Die mittlere Fahrspur fungiert nun als Überquerungsinsel und Infrastruktur für Anlieferung und Radstellplätze.

Die GastronomInnen, die in der Corona-Krise besonders hohe Umsatzeinbußen hinnehmen mussten, können von einer flächengerechten Umverteilung des Straßenraumes besonders profitieren. Durch die 1,5 Meter Abstandsregelung fallen wichtige Quadratmeter der ohnehin teuren Ladenfläche weg. Um diese verlorenen Flächen zu kompensieren, wird den Münchner GastronomInnen erlaubt, ihre bereits genehmigten Freischankflächen auf den Gehsteig auf bis zu 1,50m zu verbreitern oder in Form von „Schanigärten“, auf die neu gewonnene Fläche der ursprünglichen Parkplatzflächen zu verlegen. So kann auch der Abstand zwischen Gästen und PassantInnen weiterhin gewährleistet werden.

Mit Beginn der Covid-19 Pandemie konnte eine Verlagerung der städtischen Mobilität beobachtet werden. Die Münchner vermeiden vermehrt die öffentlichen Verkehrsmittel und sind auf das Rad umgestiegen. Das ohnehin zu klein bemessene städtische Radwegenetz ist damit an seine Grenzen gekommen. Im April 2020 gab es einen Anstieg von 20% beim Radverkehr im Vergleich zum Vorjahr. Der nötige Mindestabstand von 1,5 Metern ist häufig nicht einzuhalten und die Unfallgefahr ist gestiegen (15,5%, April 2020).

Andere Städte wie etwa Berlin haben auf die veränderte Situation bereits reagiert und den öffentlichen Raum kurzfristig umverteilt. Mit der Einführung von so genannten Pop-Up-Radwegen wurden Autospuren zu Radwegen und die Radinfrastruktur entlastet. Eine Maßnahme, die auch in München dringend erforderlich ist, um das Ansteckungsrisiko weiter zu senken. Anbieten würde sich ein Streckenverlauf nach Vorbild des von der Stadt bereits angenommenen Radentscheids.

Umgesetzt werden sollen, laut Beschluss des Referats für Stadtplanung und Bauordnung vom 27.05.2020, fünf Pop-Up-Radwege in München. Wir schlagen eine flexible Radstraße als Regellösung vor, in Form von einer Fahrbahn mit sogenanntem Schutzstreifen, die sich Auto und Rad teilen – eine Lösung für schmale Straßenquerschnitte. So können Radfahrer den ganzen Straßenquerschnitt nutzen, wenn z.B. am Wochenende weniger Autofahrer unterwegs sind. Um die Aufenthaltsqualität und die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, wird die Geschwindigkeit des Verkehrs auf Tempo 30 reduziert.

Die größtenteils auf den Autoverkehr ausgelegte Straße kann zu einem lebenswerteren Stadtraum umgestaltet werden, indem der Fuß- und Radverkehr besonders berücksichtigt werden. Da hier auf den Schutzstreifen verzichtet werden kann, wird nochmals ein Meter zusätzlich zu den Parkflächen zur Verfügung gestellt, sodass eine circa 6 Meter breite Fußgängerzone entsteht. Eine Umwidmung der mittleren Fahrspur zur „verkehrsfreien“ Zone trägt zu einer verbesserten Fußläufigkeit des Quartiers bei. Mit dem Aufstellen von Bäumen entstehen Überquerungsinseln und in kürzester Zeit neue Aufenthaltsorte mit ausreichend Sitzmöglichkeiten für PassantInnen und AnwohnerInnen. Zudem können dort Fahrradabstellplätze und Anlieferungsmöglichkeiten für den Einzelhandel und Gastronomie entstehen.

Die Auswertung sechs Dauerzählstellen in München von Januar bis Mai 2020 zeigen, dass der Radverkehr deutlich zugenommen hat. Im April 2020 gab es einen Anstieg von 21% an der Erhardtstraße im Vergleich zum Vorjahr und dies trotz Ausgangsbeschränkung. In der Margaretenstraße z.B. 19% mehr Radverkehrsaufkommen als im Vergleichszeitraum von 2019. Zur Studie.

Laut einer Studie vom Deutschen Städtetag, „Mobilitätsverhalten Corona-Krise“, verlagert sich 75% des ÖPNV zur Hälfte auf den Radverkehr. Dies würde 150.000 mehr Radfahrende durchschnittlich pro Tag und damit einen Anstieg um 50% im Vergleich zum Jahresdurchschnitt in München bedeuten. Im Sommer ist durch das gute Wetter bedingt ein weiterer Anstieg zu erwarten!

Das Diagramm zeigt, wie wichtig eine gerechte Flächenaufteilung ist, gerade während Covid-19. Allein vom verfügbaren Platz, kann nicht jeder mit dem Auto sich im Stadtraum bewegen. Und um im Zweifel auf die ‚Schwachen‘ Rücksicht zu nehmen, muss die Fläche gerechter aufgeteilt werden. Der Flächenbedarf des Autoverkehrs ist dafür zu hoch. Zur Studie.

Hier sieht man wie sich der Stadtraum in den letzten Monaten schon verändert hat. Im Januar 2020 dominiert noch das Auto bei extrem hohem Verkehrsaufkommen. Im Kontrast dazu steht März 2020 während dem Lockdown, der das Potential, des vom Auto hinterlassenen wertvollen öffentlichen Raumes, gezeigt hat.

Die momentane Baustelle im östlichen Teil der Schwanthalerstraße zum Ausbau von dem Fernkältenetz der Stadtwerke, sehen wir als Chance, wie man den Stadtraum nachhaltig verändern kann und nach der Fertigstellung nicht wieder zur alten Normalität über geht.

In mehreren kleinen Schritten kann man eine neue, nachhaltigere Normalität erzeugen, indem man den Stadtraum resilient transformiert, um flexibel auf zukünftige Ereignisse und Herausforderungen reagieren zu können. Eine Zukunftsmöglichkeit ist das autofreie München, das als Endvision vieler Teilschritte resultiert, in dem das Potential der Stadtblöcke genutzt und auf die Straße gebracht wird.

Um unsere Ideen über den theoretischen Kontext der Universität hinaus zu testen, ist unser Ziel, Partizipation in der Stadt anzuregen und so den Wandel zu initiieren. Dies ist auch der Versuch die gesellschaftlichen und gesetzlichen Möglichkeiten auszuloten, um unsere erarbeiteten Strategien und Visionen weitestgehend in die Realität zu übersetzen. Als Kollektiv möchten wir in dem Stadtraum alternative Bilder simulieren und so den Diskurs vor Ort anregen. Hierfür planen und führen wir verschiedene Interventionen auf realer, digitaler und administrativer Ebene durch. Wir möchten die entstandenen Kooperationen mit Akteuren und Initiativen in München nutzen, nicht nur um die physische Intervention 100 Meter Zukunft in der Schwanthalerstraße in Form einer Shared-Space-Simulation zu realisieren, sondern auch um über das Semester hinaus die Stadtentwicklung in München nachhaltig zu beeinflussen.

Ein Kurzvortrag des Referats für Stadtverbesserung* im Rahmen des digitalen Symposiums »CORONA URBANISM« vom 16.06.2020 organisiert durch das Junge Münchner Forum. Weiter Informationen zur »1,5 Meter Gesellschaft« erhältst du hier.

Solltest Du weitere Fragen oder Anregungen haben, oder uns bei unseren weiteren Bemühungen, München ein wenig besser zu machen, unterstützen wollen, so zögere nicht, uns zu kontaktieren!